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Autonomiephase: Was tun beim Wutanfall? Gastbeitrag von Christopher End

Von julia am 11/01/2018 - 08:35
Schrei

Trotzen ist eine normale kindliche Reaktion – sie ist gesund und wichtig. Diese Erkenntnis allein hat mir geholfen, ganz anders auf meine Kinder zu sehen und (!) zu reagieren. Dennoch ist und bleibt diese Phase herausfordernd. Daher ist es für Eltern hilfreich zu wissen, was sie tun können.

Trotzen oder: Hurra mein Kind wird selbständig!

Trotzen ist ein ungünstiger Begriff. Denn in ihm schwingt mit, dass das Kind sich willentlich gegen die Eltern stellt – oder ihn gar etwas Böses will. Tatsächlich löst sich das Kind von den Eltern (das passiert übrigens laufend). Es stellt sich allerdings nicht bewusst gegen sie. Es wird in dieser Ablösephase schlicht und einfach von seinen Gefühlen überwältigt. Daher trifft der Begriff Autonomiephase diese Zeit auch besser als der etwas negative besetzte Begriff Trotzphase.

Autonomiephase: Ich bin ich – und nicht die Mama

Die Autonomiephase kann vom zweiten Lebensjahr bis zum sechsten dauern. Manchmal beginnt sie schon mit dem Übergang vom Baby zum Kleinkind. Dann löst sich das Kind das erste Mal aus der bis dahin symbiotischen Beziehung mit der Mutter. Es beginnt zu laufen, zu sprechen und sich irgendwann als eigenständige Person wahrzunehmen.

Das Kind beginnt zu spüren, dass es manchmal etwas anderes möchte als Mama oder Papa. Als Baby wurden seine Bedürfnisse (hoffentlich) alle schnell erfüllt. Jetzt kommen Wünsche und Impulse auf, die nicht immer und sofort erfüllt werden. Das Kind spürt einen Wunsch und Mama sagt Nein. Oder das Kind muss warten, bis andere sein Bedürfnis oder Wunsch erfüllen.

Warten muss gelernt werden

Wenn das Kind nicht bekommt, was es möchte, ist es frustriert. Diese Erfahrung ist neu für das Kind. Es hat noch nicht gelernt, zu warten oder Wünsche aufzuschieben. Dieser Frust bricht sich oft urplötzlich Bahn: Das Kind weint, schreit oder tritt und schlägt sogar um sich. Kurz: Es ist außer sich.

Diese Gefühlsausbrüche sind nicht gespielt und schon gar nicht bewusst eingesetzt, um Mama und Papa zu manipulieren. In diesem Alter ist das Kind schlicht noch nicht in der Lage seine Gefühle zu kontrollieren. Es leidet sogar darunter, von diesen heftigen Gefühlen überwältigt. Es ist dabei unerheblich, dass es „nur“ ein seelischer Schmerz ist. Oder dass das Kind sich über Dinge aufregt, die in unseren Augen vielleicht banal wirken. Wichtig ist nur: Das Kind leidet!

Warten, kontrollieren und abwägen – schwierige Lektionen

Trotz allem Verständnis für das Leiden des Kindes – genauso wichtig ist, dass das Kind lernt Frust auszuhalten. Es gehört zum Wachsen dazu, dass es lernt, auf der einen Seite Emotionen auszudrücken und auf der anderen Seite diese zu kontrollieren. Es ist wichtig, dass das Kind spürt, dass Emotionen ein natürlicher willkommener Teil von uns sind.

Das Kind soll lernen, dass es nicht jedem Impuls folgen kann. Ob dieser Impuls nun bedeutet mit Papas Handy zu spielen, den Sandkastenfreund zu schlagen oder ohne zu gucken über die Straße zu rennen. Wie können wir Eltern also unseren Kinder helfen, dass sie diese wichtigen Lektionen lernen?

Was können Eltern beim Trotzen tun?

Die Autonomiephase ist eine herausfordernde Zeit – nicht nur für die Eltern, sondern vor allem für das Kind! Emotionen wie Wut oder Trauer auszuleben, sich dabei völlig zu verausgaben, kann extrem anstrengend sein. In dieser Zeit brauchen Kinder vor allem eins: Verständnis – und das Gefühl gehalten zu werden.

Was Kinder lernen, wenn Eltern ihr Trotzen liebevoll halten

Kinder lernen drei sehr wichtige Lektionen, wenn Eltern sie liebevoll in der Autonomiephase begleiten: Erstens lernen sie, dass Gefühle ein selbstverständlicher und willkommener Teil des Lebens sind. Zweitens lernen sie, sowohl ihre Emotionen auszudrücken als auch zu kontrollieren. Und drittens lernen Kinder, dass sie gut sind, so wie sind. Denn ihre Eltern nehmen sie ja auch dann an, wenn sie sich vor Wut schreiend vor der Supermarktkasse auf dem Boden wälzen.

Äußerer Halt gibt inneren Halt

Um zu lernen ein Gefühl auszuhalten und es später steuern zu können, braucht ein Kind seine Eltern. Das Kind kann die Emotionen anfangs noch nicht selbst steuern. Es braucht eine Bezugsperson, die ihm hilft, sich selbst zu regulieren. Babys fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes dann gehalten, wenn sie im Arm gehalten werden. Der Körperkontakt beruhigt sie. Auch Kleinkinder brauchen diesen Halt um sich beruhigen zu können. Den Halt können wir als Eltern auf verschiedene Weisen geben: Manchmal hilft ein Kind in den Arm zu nehmen, manchmal es zu streicheln und manchmal hilft es den Kontakt, den Halt mit einem liebevollen Blick zu geben.

Drei Schritte, Kinder in der Autonomiephase zu begleiten

Mir haben drei Schritte geholfen, meine Kinder gut durch die Autonomiephase zu begleiten:

  • Erstens sich mit dem Thema zu beschäftigt. Allein zu wissen, dass mein Kind gar nicht anders kann, hat bei mir Mitgefühl und Verständnis für einen Wutanfall geweckt.
  • Zweitens als Eltern Situationen entschärfen, bei denen ich weiß, dass mein Kind häufig überfordert ist. Als wir das morgendliche Anziehen etwas anders planten, ging es plötzlich erstaunlich ruhiger zu.
  • Und drittens gibt es eine ganz konkrete Methode im Falle eines Trotzanfalls.

Was tun beim Wutanfall oder Trotzanfall?

Klassischerweise gehen Eltern bei einem Konflikt mit ihrem Kind so vor: Erst schimpfen sie mit ihrem Kind, bis das Kind weint, dann nehmen sie es in den Arm und trösten es. Die folgende Methode stellt dieses Vorgehen quasi auf den Kopf: In einer Konfliktsituation verbinden wir uns als erstes mit dem Kind und trösten es. Wenn sich das Kind beruhigt hat, dann und erst dann klären wir den eigentlichen Konflikt.

Diese Methode beruht auf dem Buch „Disziplin ohne Drama“ von Daniel Siegel. Sie geht davon aus, dass sich Kinder häufig selbst noch nicht runterregulieren können. Wenn wir aber in einer solchen emotional aufgeladenen Situation – wie bei einem Wutanfall – mit dem Kind schimpfen, verschlimmern wir die Situation nur noch.

Schimpfen oder strafen erhöht den Stress für das Kind – es kann sich noch schlechter beherrschen! In diesem Zustand der Überforderung können Kinder übrigens auch sehr schlecht etwas aufnehmen oder gar sinnvoll lernen.

Fürs Lernen brauchen wir Ruhe und das Gefühl der Geborgenheit. Daher hilft es den Kindern, wenn wir ihnen helfen aus der Überforderung in einen ruhigen Zustand zu kommen. Jetzt und erst jetzt sind sie empfänglich für das, was wir ihnen sagen wollen – zum Beispiel dass es gefährlich ist, ohne zu gucken über die Straße zu laufen.

Indem wir verständlich und liebevoll auf unsere Kinder reagieren, wenn diese wüten oder trotzen oder weinen, geben wir ihnen drei wertvolle Erfahrungen mit: Wir zeigen ihnen, dass Gefühle Teil des Lebens sind. Wir zeigen ihnen, wie sie lernen diese Gefühle auszuhalten und zu regulieren. Und wir zeigen ihnen, dass wir sie lieben so wie sie sind– samt ihrer Trauer, Wut und Zorn.

 

Zum Weiterlesen:

  • Daniel Siegel & Tina Payne Bryson: Disziplin ohne Drama – Achtsame Kommunikation mit Kindern, Arbor Verlag

Christopher End

 

Christopher End ist systemischer Coach und unterstützt Eltern in schwierigen  Erziehungssituationen. Er ist Vater von zwei Kindern und ihnen sehr dankbar für die vielen Lektionen, die er von ihnen lernen durfte.

 

www.christopher-end.de

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http://twitter.com/coach_end

 

Bild: Mindaugas Danys CC BY 2.0