Für Sie gelesen: „Was Kinderbilder uns erzählen“
Warum gerade dieses Buch?
In diesem Monat widme ich mich dem Thema Kindern zuhören – mit Kindern reden (ein längerer Artikel zu diesem Thema wird nächste Woche veröffentlicht!). Kinder drücken sich über unterschiedliche Kanäle aus. Sie spielen, bewegen sich auf unterschiedliche Weise, singen, sprechen oder sie zeichnen. Für Kinder sind diese Kanäle sehr gleichwertig, oftmals nutzen sie einfach jenen Kanal, der in der jeweiligen Situation am ehesten zur Verfügung steht. Es gibt jedoch auch Kinder, die sich sehr gezielt Ausdrucksräume schaffen, weil sie eine gewisse Ausdrucksform bevorzugen. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass der musisch-kreative Bereich in einigen Familien mehr in Vergessenheit gerät. Deshalb möchte ich Ihnen ein Buch zum Thema Kinderzeichnungen vorstellen. Das Buch ist mit Sicherheit nicht das aktuellste zu diesem Thema, jedoch eines der besten Bücher, das ich über Kinderbilder gelesen habe:
Fleck-Bangert, Rose: Was Kinderbilder uns erzählen. Kinder setzen Zeichen – Gemaltes sehen und verstehen. Kösel-Verlag München 1999 (2., aktualisierte Auflage) ISBN 3-466-30479-2
Die Autorin ist Erzieherin und Diplompädagogin und verfügt über psychoanalytisch-pädagogische und kunst- und gestaltungstherapeutische Weiterbildung. Soviel zu ihr als Person, nun jedoch zum Buch...
Was möchte das Buch vermitteln?
Gleich zu Beginn schreibt sie über ihr Buch:
„Es will lediglich sensibel machen für die Betrachtung von Kinderbildern, für den Umgang mit ihnen und möchte für Verständnis und Wertschätzung kindlicher Gestaltung werben.“ (S. 14)
Dieses Vorhaben setzt sie sehr detailverliebt und verständlich um.
Im Kapitel „Über dieses Buch“ schreibt die Autorin offen über ihre eigenen Zeichenerfahrungen als Kind, welche, wie sie schreibt, durch „Maßregelung, Bewertung, Benotung und kontrollierende Übergriffe“ (S. 16f.) gekennzeichnet waren und wie sie, durch die Begegnung mit Kindern, wieder zum spontanen Malen gefunden hat.
Das Buch ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Diese tragen die Überschriften: Kinder und ihre Bilder, Über das Verstehen von Kinderbildern, Kinder setzen Zeichen – Zwölf Bilder-Geschichten und Mütter malen – Das Bild als Kommunikationsmittel, als Beziehungsbrücke und als pädagogische Hilfe. Abgerundet wird dies durch Gedanken zum Schluss.
Schon der Aufbau des Buchs zeigt, dass es sich hier nicht um ein klassisches Buch zum Thema „Kinderzeichnungen“ handelt. Nur knapp werden einige Entwicklungsstufen der Kinderzeichnung beleuchtet, um ein für das weitere Verständnis des Buchs notwendiges gemeinsames Vorwissen zu schaffen (Unterkapitel: Wenn Engel wie Igel aussehen – Grundzüge der kindlichen Malentwicklung). Davon abgesehen widmet sich das Buch der Entstehung von Kinderbildern, was diese erzählen könnten und was Kinder mit Hilfe von Bildern zu verarbeiten versuchen.
Die Entstehung eines Kinderbildes beschreibt die Autorin detailreich unter dem Titel „Jetzt mal' ich eine Fuchsgeschichte“. Sie erzählt den Verlauf vom eigentlichen Vorhaben des Kindes, bis hin zum fertigen Bild, welches letzten Endes eine Wolfsfamilie zeigt. Die besprochenen Zeichnungen sind größtenteils (wenn sie für die Autorin noch verfügbar waren) im Buch abgebildet.
Ein Schwerpunkt dieses Buchs ist das Verstehen von Kinderbildern. Die Autorin lehnt es ab, Bilder ausschließlich von außen verstehen zu wollen (also anhand von Symbolen, Farben, Raumaufteilung am Blatt, usw.). Die Autorin schlägt den Weg ein, auch den Malprozess zu berücksichtigen: welches Verhalten zeigt das Kind während des Malens? Wovon erzählt es, bzw. welche Laute begleiten das Malen? Ebenfalls schlägt sie vor, das Bild auch mit sich als Betrachter in Beziehung zu setzen. Als dritte Möglichkeit erwähnt sie, dass Eltern durch die eigene Erschaffung von Bildern wieder mit dem „inneren Kind“ in Kontakt kommen können und so Zeichnungen ihrer Kinder anders sehen lernen.
Kritisch sieht sie die oft gestellte Frage: „Was hast du da gemalt?“ Oder den Versuch von Eltern Gegenständliches in den Bildern ihrer Kinder zu finden und zu benennen (z.B. Oh, eine schöne Blume hast du gemalt). Sie begründet es damit, dass Kinderbilder einem Wandel unterworfen sind und aufgrund des prozesshaften Denkens von Kindern sich immer wieder verändern. Sie zitiert dazu einen Satz ihrer Tochter: „Das ist doch keine Blume! Das ist ein Käfer, äh ein Igel, sieht aus wie ein Weihnachtsbaum mit Trauben drauf!“ (S. 66). Außerdem hebt sie hervor, dass das Vorzeichnen durch Erwachsene die Malentwicklung stören kann. Weiter wirbt sie dafür, dass Bilder, die scheinbar ein Thema verfehlen (z.B. wenn im Schulunterricht zu einem Thema gemalt werden soll), besondere Beachtung erhalten sollten, da sie das zeigen, was das Kind in dem Moment wirklich bewegt hat. Werden Kinder zurechtgewiesen, verlieren sie oftmals die Lust am Malen und nutzen Bilder nicht mehr für den spontanen, persönlichen Ausdruck.
Diesen allgemeinen Ausführungen folgt die Auseinandersetzung mit 12 Bilder-Geschichten. Die ersten vier Bilder zeigen Verarbeitungs- und Bewältigungsstrategien von Kindern, drei Bilder zeigen das „In-Szene-Setzen“ problematischen Verhaltens von Kindern und abschließend werden fünf Gespräche mit Müttern über Bilder ihrer Kinder vorgestellt. Bei allen Bilder-Geschichten ist auffällig, wie stimmungsvoll und detailreich die Autorin die Leser und Leserinnen mitnimmt auf eine gemeinsame Reise von der Entstehung des Kinderbildes bis hin zum Versuch das Bild zu verstehen, bzw. zu verstehen, warum es für das Kind wichtig war, genau diese Zeichnung anzufertigen.
In dem letzten Kapitel des Hauptteils „Mütter malen – Das Bild als Kommunikationsmittel, als Beziehungsbrücke und als pädagogische Hilfe“ stellt die Autorin Gruppensituationen vor, in denen Bilder genutzt wurden, um Themen, die die Teilnehmerinnen belasteten, zu bearbeiten. Diese Ausdrucksform sollte helfen, festgefahrene Strukturen in der Familie aufzubrechen.
In ihren Gedanken zum Schluss betont die Autorin nochmals, dass nicht alle Kinder gerne malen und es für Kinder auch andere Ausdrucksformen gibt. Außerdem weist sie darauf hin, dass nicht jedes Bild in seiner Botschaft entschlüsselt werden muss, sondern Kinder auch malen, weil sie Freude an dieser Art der Bewegung haben oder weil sie z.B. im Kindergarten malen, weil es der Freund oder die Freundin halt auch gerade macht.
Meine Gedanken zu diesem Buch
Die Autorin schafft es sehr lebendig und detailreich Einblick in die Thematik der Kinderzeichnungen zu geben. Sie sensibilisiert die Leser und Leserinnen auch den Malprozess zu beobachten, wenn man ein Bild verstehen möchte und den freien Ausdruck der Kinder zu ermöglichen. Das Kinder überhaupt malen ist für sie entscheidender, als dass Erwachsene immer verstehen was gemalt wurde.
Mich hat das Buch angesprochen, weil nicht die Entwicklungsstufen der Kinderzeichnung im Zentrum standen oder wie ein Bild anhand von Symbolen, Formen, Farben, Raumaufteilung oder Ähnlichem interpretiert werden kann, sondern die Ausdrucksmöglichkeit des Kindes höchste Priorität hat. Die Autorin will aufzeigen, dass es oftmals gar nicht notwendig ist, dass wir als Außenstehende genau verstehen was das Kind hier gemalt hat oder das Gemalte besonders gut kommentieren können, sondern dass das Kind Erleichterung durch das Malen erfährt, weil es einen Konflikt oder eine Belastung zum Ausdruck bringen konnte.
Auch der Wert des spontanen Malens wird hochgehalten. Egal warum ein Kind gerade malt oder wie gut es, unserer Meinung nach, malt, es ist so ganz bei sich und seiner inneren Welt und das ist für seine Entwicklung nur förderlich.
Foto: Julia Strohmer