Nachgedacht: Elternschaft im Trend?

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Nachgedacht: Elternschaft im Trend?

Von julia am 31/05/2016 - 07:18
parenting

Wir sind alle Kinder unserer Zeit. Es gibt Modetrends, bestimmte Musik liegt im Trend, oder einige Sportarten sind gerade besonders angesagt. Aber auch vor dem Zusammenleben als Familie oder vor der Rollenfindung als Mutter oder Vater machen Modeerscheinungen nicht halt. Welche Trends sind aktuell zu erkennen? Und viel wichtiger: Was bewirken solche Trends?

Um es vorne weg zu sagen: ich spreche mich hier nicht für oder gegen bestimmte Formen des Zusammenlebens oder einer Art Kindern zu begegnen aus. Ich möchte diesen Beitrag nutzen, um ein wenig darüber nachzudenken, welche Entwicklungen ich erkennen kann und die Frage stellen, was dies mit uns, als Eltern, macht.

„Natürlichkeit“ oder „Förderwahn“ - das Projekt „Kind“

In den vergangenen Jahren ist ein starker Trend hin zur „Natürlichkeit“ zu erkennen, weg vom „Förderwahn“. Viele Familien sehen es kritisch, dass Kinder vom ersten Tag an gefördert werden sollen. Kinder sollen einfach wachsen dürfen. Das hört sich im ersten Moment sehr löblich an, betrachtet man diese „Freiheit“ des Kindes aber näher, dann hängt oftmals (nicht immer!) eine ganze Reihe von „Projekten“ an diesem Gedanken: die eine Familie möchte ihr Kind vegetarisch oder vegan ernähren, die nächste entscheidet sich ihr Kind windelfrei großzuziehen, für die nächsten ist das Familienbett das Um und Auf, das Kind wird im Tuch oder einer Tragehilfe getragen, Mütter entscheiden sich für das Langzeitstillen oder Beikost wird in Form von Finger-Food (Stichwort: baby-led weaning) eingeführt, um nur einige „Trends“ zu nennen. Trend setze ich nun unter Anführungszeichen, da einige dieser Ideen gar nicht neu sind. Aktuell setzen sie sich aber immer mehr durch, bzw. sind zumindest in aller Munde.

Sind wir gute Eltern?

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Foto: Quinn Dombrowski CC BY-SA 2.0

 

Das führt dazu, dass gerade Erstgebärende und deren Männer sich mit einer Flut von Ideologien, Theorien und Stichwörtern konfrontiert sehen und dies des öfteren zu Verunsicherungen führen kann, zusätzlich zu den Gedanken, die sich junge Eltern ohnehin schon machen – man möchte ja alles richtig machen, dem Kind einen guten Start ins Leben verschaffen. Das kann stressen und einen unter Druck setzen. Plötzlich ist von der angedachten „Freiheit“ nicht mehr viel übrig, man spielt mit dem Gedanken der einen oder anderen Idee zu folgen oder fühlt sich im schlimmsten Fall gezwungen verschiedene Ansätze umzusetzen, um nicht als schlechte Mutter oder schlechter Vater zu gelten.

Das Projekt „Kind“ - das Projektkind

Und wo bleibt da das Kind? Ist es nun wirklich so frei in seinem Aufwachsen? Ist nicht vielmehr erneut die Gefahr da, dass das Kind zum Projekt wird, genauso als wenn es vom ersten Tag an in alle Richtungen gefördert werden würde? Schlägt somit diese "Natürlichkeit" oder „Freiheit“ nicht wieder in ein Extrem aus? Sind diese Trends nicht auch von der Angst getragen, dass das Kind etwas verpassen könnte oder schlechtere Entwicklungsbedingungen haben könnte als Gleichaltrige? Besteht hier nicht auch der Wettbewerbsgedanke? Ich bin eine gute Mutter oder ein guter Vater, denn ich setze möglichst viele oder gar alle dieser Ansätze in meiner Familie um? Setzen wir ein Kind dadurch nicht erneut unter Druck? Oder auch in die andere Richtung gefragt: Wo bleibe ich als Mutter oder Vater? Liebe ich mein Kind nicht genauso bedingungslos, wenn ich mich, aus welchen Gründen auch immer, für einen Kinderwagen entscheide oder gegen ein Familienbett?

Es gibt einfach Babys, die nicht vom ersten Bissen an feste Konsistenz schätzen, sie lieben aber ihren Brei (sei er nun selbst gekocht oder aus dem Glas). Ist es nicht dann im Entwicklungsinteresse des Kindes ihm Brei zu füttern und nicht abzuwarten, ob es doch irgendwann den Gemüse-Stick in den Mund nimmt? Ist das Familienleben nicht entspannter (weil authentischer), wenn sich die Eltern nicht gezwungen sehen mit ihrem Kind in einem Bett zu schlafen, sondern jeder sein Bett (unter Umständen auch in unterschiedlichen Zimmern) hat? Für das Kind ist es entscheidend, dass es bei Bedarf nicht alleine ist. Wenn ein Elternteil jedem nächtlichen Weinen folgt und zum Kind hingeht, dann wird das Kind ebenso in seinem Urvertrauen gestärkt – Mama und Papa sind für mich da!

Nochmals möchte ich betonen, dass Eltern natürlich frei in ihrer Entscheidung sind, auf die eine oder andere Art mit ihrem Kind leben zu wollen, egal ob dieser Ansatz gerade im Trend liegt oder nicht: für sie ist es authentisch im Familienbett zu schlafen oder lange zu stillen, oder welche Ideen auch immer verfolgt werden. Ich möchte mich nur dafür aussprechen auch anzuerkennen, dass es Eltern gibt, die andere Entscheidungen treffen, ohne damit ihr Kind per se zu gefährden.

Seinen Weg finden

So schwer es vielleicht auch ist: Finden Sie als Eltern Ihren eigenen Weg! Hören Sie in sich und spüren Sie, was gut für Sie und Ihr Kind ist. Genießen Sie und Ihr Kind die Nähe, dann entscheiden Sie sich guten Gewissens für ein Tragetuch oder eine Tragehilfe, können Sie sich nicht vorstellen Ihr Baby zu tragen, dann entscheiden Sie sich, genauso guten Gewissens, für einen Kinderwagen. Ihr Baby gibt Ihnen die Rückmeldung, ob es diese Distanz aushält oder nicht, bzw. wann es sie aushält und wann nicht. Wenn das Kind als Subjekt wahrgenommen und angenommen wird, dann können Eltern Vorentscheidungen treffen, bzw. eine Art des Zusammenlebens vorschlagen, möglicherweise wird es jedoch Anpassungen durch die Rückmeldungen des Kindes geben. Ich kenne einige Frauen, die eigentlich ihr Baby nicht tragen, bzw. nicht ausschließlich tragen wollten, die nach einigen Wochen mit stressigen Kinderwagenfahrten ihr Kind doch getragen haben. Oder auch in die andere Richtung: Eltern, die schon vor der Geburt entschieden haben zu tragen und dann im Alltag gemerkt haben, dass es doch nicht das ist, was sie und ihr Kind möchten. Dieses Beispiel kann man mit allen Ideen des Zusammenlebens durchspielen: z.B. Eltern, die ein Beistellbett oder Familienbett hergerichtet haben, aber dann gemerkt haben, dass alle sehr unruhig schlafen. Das eigene Babybett oder das Babybett im Kinderzimmer (eventuell mit Schlafmöglichkeit für einen Elternteil) haben alle besser schlafen lassen, usw.

Leben ist Dynamik

Das Leben als Familie ist in Bewegung. Etwas, das im Augenblick für alle passt und sich richtig anfühlt, kann einige Tage, Wochen oder Monate später in Frage gestellt werden oder das Familienleben stören. Es gehört auch zur Rollenfindung als Mutter, Vater oder gemeinsam als Eltern, dass eingeschlagene Wege korrigiert werden dürfen.


Foto: USFWS Mountain-Prairie CC BY 2.0