Nachgedacht: Und, schläft Ihr Baby schon durch?
Das Baby ist oft Gesprächsthema Nummer 1, sowohl in Eltern-Kind-Gruppen, als auch auf Spielplätzen, im Supermarkt – einerseits, weil Eltern den Austausch mit anderen Eltern suchen, zuweilen wird man als Mutter oder Vater aber auch ungefragt von völlig fremden Personen auf sein Baby oder Kind angesprochen.
Die Gespräche können ein gutes Gefühl aufkommen lassen, man fühlt sich vielleicht in seiner Aufgabe als Mutter oder Vater wertgeschätzt, sie können aber auch Druck erzeugen, Ängste oder Schuldgefühle auslösen. Eine Frage, die meist eher zur zweiten Kategorie zählt ist jene nach dem Schlafverhalten des Babys.
Erwartungshaltung an das Schlafverhalten von Babys und Kleinkindern
Eigentlich wäre es ja nicht negativ, würde tatsächlich wertungsfrei nach dem Schlafverhalten gefragt werden, in der Realität wird jedoch mit der Erwartungshaltung, dass ein Baby durchschlafen müsse, die Frage gestellt - „Schläft dein Baby schon durch?“. Wird diese Frage verneint, dann folgen oft Aufzählungen von Babys aus dem Bekanntenkreis, die alle schon durchschlafen oder das eigene Baby wird in höchsten Tönen gelobt, weil es doch schon seit Wochen durchschlafen würde.
Selbst wenn die Verneinung der Frage zunächst für den Vater oder die Mutter wertungsfrei war, weil er oder sie selbst vielleicht im Schlafverhalten des Kindes kein Problem gesehen hatte, führen die Erzählungen oftmals zu Verunsicherungen: Sollte mein Kind schon durchschlafen? Mache ich etwas falsch, weil mein Baby noch nicht durchschlafen kann? Muss ich etwas ändern, weil mein Kind sonst nie durchschlafen können wird?
Das Vergleichen von Kindern
Das erste, was ich an der Frage „Schläft dein Baby schon durch?“ als problematisch ansehe ist das Vergleichen von Kindern. Jedes Kind ist eine Persönlichkeit mit seinen Charakterzügen und Eigenheiten. Was hat ein Kind davon, wenn es verglichen wird? Kann es dann eher durchschlafen? Geht es dann früher aufs Töpfchen? Die Entwicklung eines Kindes kann man in vielen Bereichen nicht beschleunigen – ich bin geneigt dazu zu sagen: glücklicherweise! Das, was das Vergleichen bei Eltern hervorruft sind oft Ängste, Verunsicherungen, Druck oder auch Ärger – die sie unbewusst auch an ihre Kinder weitergeben.
Was sind Schlafprobleme?
Als nächstes fällt auf, dass etwas, was vorher vielleicht gar nicht als störend angesehen wurde, plötzlich zu einem Problem werden kann. Man beginnt sich und seinen Umgang mit dem Kind in Frage zu stellen, was durchaus positiv sein kann, aber eben nicht immer. Es ist vor allem dann problematisch, wenn überbordende Erwartungen an Eltern oder Kinder ausgedrückt werden, bzw. traditionelles Denken, oftmals aus Unwissenheit, weiter verbreitet wird – wie es beim Thema „Schlafverhalten von Babys und Kleinkindern“ der Fall ist.
Von einem Neugeborenen erwartet keiner, dass es durchschläft. Jeder hat das Bild durchwachter Nächte im Kopf: Eltern, die ihr Kind zur Beruhigung durchs Zimmer tragen oder versuchen in den Schlaf zu wiegen. Doch kaum sind die ersten Lebenswochen vergangen, ändert sich bei einigen Menschen radikal die Erwartungshaltung: Das Baby solle nachts nun aber schon mindestens 4 Stunden am Stück schlafen – verständlich, denn wir Erwachsene sehnen uns nach unserem gewohnten Schlaf. Aber entspricht es auch der kindlichen Entwicklung?
Das Schlafverhalten ab dem 6. Lebensmonat
Ich habe schon viele Artikel zum Thema Schlafverhalten von Säuglingen und Kleinkindern gelesen und bin dabei immer wieder auf eine Art „magische Grenze“ gestoßen: wenn das Baby 6 Monate alt ist. In vielen gängigen Ratgebern wird dann betont, dass Babys nachts keine Milchaufnahme mehr benötigen und deshalb durchschlafen können sollten. Als erstes fällt mir dieser fragwürdige Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Schlafverhalten auf. Klar, wenn ein Baby hungrig ist und Milch möchte, kann es nicht gleichzeitig schlafen. Aber Nahrungsaufnahme löst keine „Schlafprobleme“. Es hilft nichts zu versuchen ein Baby abends möglichst ausgiebig mit Brei oder Milch zu versorgen – das alleine ermöglicht noch kein Durchschlafen. Schlafen hat in erster Linie etwas mit Reifung zu tun, die nun mal bei jedem Kind individuell verläuft – so wie auch nicht alle Kinder am selben Lebenstag anfangen zu sitzen, zu krabbeln oder zu gehen. Ein üppiges Abendessen kann sogar den Schlaf stören, wenn der Körper zu schwere Kost verdauen muss.
Eine weitere Frage, die sich mir gestellt hat ist, warum sollen Babys, wenn sie 6 Monate alt sind, plötzlich, bzw. spätestens durchschlafen können? Denken wir einmal darüber nach, was in diesem Lebensalter alles in der Entwicklung des Kindes geschieht: möglicherweise kommen die ersten Zähne durch, bzw. kündigt sich das Durchbrechen der Zähne an; einige Babys beginnen zu robben oder zu krabbeln; das Greifen perfektioniert sich; sie lernen neue Lebensmittel und Konsistenz von Essen kennen; Diese Liste lässt sich verlängern und vor allem für die Folgemonate ausbauen: Babys lernen stehen, gehen, das Sprachverständnis wandelt sich, es lernt erste Wörter zu sprechen und diese richtig zu gebrauchen, die Feinmotorik entwickelt sich, usw. Und nun die entscheidende Frage: Warum sollte ein Baby gerade in dieser Phase extra gut schlafen können? In den letzten Zeilen finden sich viele Gründe, die den Schlaf beeinträchtigen können: Schmerzen (z.B. beim Zahnen oder bei der Verdauung unbekannter Lebensmittel), Verunsicherungen (z.B. durch die erwachende Autonomie, die z.B. durch das Krabbeln einen ersten Ausdruck findet), Verarbeitung vom immer bewusster erlebten und aktiver gestalteten Alltag, usw.
Die Haltung zum kindlichen Schlaf verändern
Das, was möglicherweise Eltern helfen kann, die verunsichert, verängstigt oder auch verärgert über die Nachfrage: „Und, schläft dein Kind schon durch?“ sind, ist eine andere Haltung zum Schlafverhalten ihres Kindes. Dafür ist es nützlich Fakten zum kindlichen Schlaf zu kennen. Es ist z.B. ein Schutzmechanismus des Babys nicht zu tief zu schlafen (Stichwort „plötzlicher Kindstod“) und somit auch nachts seine Versorgung sicher gestellt zu wissen (der Energiebedarf eines Babys ist hoch, bedenke man, wie rasch die Entwicklung des Babys gerade im ersten Lebensjahr erfolgt; nächtliche Nahrungsaufnahme ist auch nach dem 6. Lebensmonat vollkommen in Ordnung). Es ist ebenfalls ein Überlebensinstinkt, dass Babys sich vergewissern nicht alleine zu sein. Sie müssen erst über viele Monate, manches Mal Jahre lernen, dass die Bezugspersonen vielleicht nicht immer zu sehen oder spüren sind (wenn z.B. Kinder im eigenen Bett oder im eigenen Zimmer schlafen), aber dennoch da sind. Außerdem wird das Gehirn von Babys stimuliert, wenn sie nicht zu lange am Stück schlafen. Das dient ihrer Entwicklung. Sie müssen lernen sich wieder in den Schlaf sinken zu lassen. Dieses Lernen erfolgt, meiner Ansicht nach, jedoch nicht durch Schlaftrainings, bei denen Babys systematisch weinen gelassen werden. Angst und Stress führen nicht zu einem gesunden Schlafverhalten. Das Baby schläft vielleicht durch Resignation ein (und meldet sich nachts auch nicht, weil es die Erfahrung gemacht hat, dass so und so keiner kommen wird), aber nicht, weil es sich sicher und geborgen fühlt. Das geht auf Kosten der Beziehung zwischen Bezugspersonen und Kind.
In den Schlaf begleiten
Das, was beim Schlafen hilft ist Entspannung und Ruhe. Keiner kann einen anderen Menschen zum Schlafen zwingen. Man kann das Einschlafen eines Kindes aber begleiten. Eltern können eine entspannte Atmosphäre schaffen, die sich durch Ruhe und Geborgenheit auszeichnet. Dafür ist es auch wichtig, dass Eltern es schaffen ruhig zu bleiben, auch wenn das Baby oder Kind an einem Tag schwerer in den Schlaf finden sollte – zugegeben: es gibt Situationen, in denen es einem schwerer fällt, vor allem, wenn ein Kleinkind schon regelmäßig gut in den Schlaf gefunden hat und üblicherweise auch durchschläft. Hektik und Unruhe führen jedoch meist dazu, dass die Einschlafsituation oder das wieder Einschlafen nachts noch länger dauert. Babys und Kinder spüren den Druck oder Stress der Eltern, das kann sie verunsichern und das (wieder) Einschlafen behindern, weil ihr Instinkt ihnen sagt, dass sie wach-sam sein sollten, wenn die Eltern so unruhig sind, es könnte ja eine Gefahr lauern.
Foto: Pavel Venegas CC BY 2.0
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