Für Sie gelesen: Der kleine Prinz
Es ist ein Buch, das wahrscheinlich viele von Ihnen kennen werden. Aber haben Sie schon einmal versucht es als ein Buch zu sehen, um über das Zusammenleben mit Kindern nachzudenken? Nein? Dann gehen Sie mit mir auf eine Reise durch die Geschichte des kleinen Prinzen….

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz. Karl Rauch Verlag: Düsseldorf.
ISBN-13: 978-3-7920-0057-1
Die Geschichte ist an sich schnell erzählt. Der Ich-Erzähler, ein Pilot, muss in der Wüste notlanden und trifft dort auf den kleinen Prinzen, der sich von seinem Planeten aus auf die Reise gemacht hat, um einen Freund zu finden. Er erzählt dem Piloten von seiner Reise, die ihn auf unterschiedliche Planeten geführt hat, wo er jeweils auf eine Person traf, die ihn mit sonderbaren Eigenheiten von „großen Leuten“ konfrontierten. Nachdem der kleine Prinz über die Besonderheit seiner Rose nachgedacht hat und den Piloten auf die Wesentlichkeit des Unsichtbaren aufmerksam gemacht hat, reist er zu seinem Planeten zurück.
Ich werde nun auf einige Passagen des Buchs aufmerksam machen, die uns helfen können, um über das Zusammenleben mit Kindern und die Sichtweisen von Kindern nachzudenken.
Eine Haltung des Nicht-Wissens
Gleich zu Beginn erzählt der Pilot, dass er früh seine Karriere als Maler beendet habe, weil Erwachsene ihm gesagt hätten, dass es Wesentlicheres gäbe, mit dem man sich befassen könne, z.B. Geographie oder Mathematik. Er hatte eine Boa gemalt, die einen Elefanten verdaut. Erwachsene erkannten aber nur einen Hut, also malte er eine offene Boa, die einen Elefanten verdaut – es wurde als nicht wichtig genug hingestellt.
Für Kinder sind die Inhalte, die sie malen wichtig und das Verarbeiten von Inhalten ist für Kinder eine ernsthafte Beschäftigung. Der Erzähler der Geschichte weist auch darauf hin, dass Kinder aufhören ihre Sicht auf die Welt mitzuteilen, weil sie es leid wären, den Erwachsenen alles erklären zu müssen.
Kinder wollen sich mitteilen. Sie benötigen jedoch ein Gegenüber, das ihnen auch zuhört und vor allem mit einem gewissen Nicht-Wissen ins Gespräch hinein geht. Diese offene Haltung des Nicht-Wissens ermöglicht es zu erkennen, wie die Kinder die Welt sehen, weil man wirklich zuhört und hinschaut und nicht meint bereits alles zu kennen, was Kinder uns zeigen können. Erwachsene haben einen gewissen Wissensvorsprung und haben auch schon vieles erlebt, was für Kinder faszinierend neu ist. Wie aber ein einzelnes Kind die Welt für sich entdeckt, ist für jeden Erwachsenen etwas, das vollkommen neu ist, was Unerwartetes hervorbringt und einen auch staunen lässt.
Scheinbar unangemessene Fragen oder Bitten
Im zweiten Kapitel der Geschichte stoßen wir auf ein Phänomen, das in vielen Familien zum Alltag gehört: Jenes der (scheinbar) unangemessenen Fragen und Bitten. Der Pilot befindet sich in der Wüste, er könnte sterben, wenn er nicht rasch genug das Flugzeug reparieren könne, das Trinkwasser wird knapper. In diese Situation hinein bittet der kleine Prinz „Zeichne mir ein Schaf“. Wie oft neigen Eltern nun dazu die Frage oder Bitte als „nicht wichtig“ abzutun oder sich über ein Kind nur zu wundern und eigentlich das Anliegen nicht wirklich zu beachten? Liest man die Geschichte jedoch weiter, erkennt man, dass der kleine Prinz damit ein Ziel verfolgt. Er hatte eine gute Absicht und aus seiner Sicht ist es, genau in diesem Moment, eine ernste Frage, die eine Antwort (oder in dem Fall eine Aktion) verlangt.
Etwas zum Leben erwecken
Die Szene mit dem Schaf ist auch typisch für die Art und Weise, wie Kinder die Welt sehen. Der kleine Prinz kann das Schaf in der Kiste zum Leben erwecken. Für ihn ist jene Zeichnung perfekt, die eigentlich gar kein Schaf abbildet. Das Schaf ist dann so, wie er es sich vorgestellt hat.
Denken wir nun an Situationen, in denen uns Kinder bitten etwas für sie zu malen oder mit Plastilin zu formen und wir lehnen ab oder suchen Ausflüchte, weil wir meinen, kein perfektes Ergebnis liefern zu können, unsere Kinder zu enttäuschen. Kinder suchen dabei aber meist nicht das perfekte Bild oder die vollendete Form. Kinder drücken damit in erster Linie das Bedürfnis aus, dass man Zeit mit ihnen verbringt und sich mit etwas beschäftigt, was für sie wichtig ist. Das Produkt ist erst mal Nebensache. Außerdem finden es Kinder reizvoll, wenn eine Zeichnung Platz für ihre Phantasie lässt.
Normen in Frage stellen
Die Idee des Piloten, der kleine Prinz bräuchte einen Strick, um das Schaf anzubinden, entsetzt den kleinen Prinzen. Wenn man Fragen von Kindern zulässt, kann man entdecken, dass Kinder gesellschaftliche Normen in Frage stellen. Das ist wichtig, damit sich eine Gesellschaft auch weiter entwickeln kann. Erwachsene können sich durchaus durch Kinderfragen animieren lassen, über bestehende Normen nachzudenken.
Erkennen, was für Kinder wichtig ist
Der kleine Prinz bemängelt auch (in Kapitel 4), dass die großen Leute nie das wesentliche Wissen möchten. Sie haben nur ihren Blick, der auf Ökonomie, Machtverteilung, Fakten usw. aus ist. Vielleicht stellen wir wirklich oft nicht die wesentlichen Fragen, wenn wir mit unseren Kindern über Erlebnisse und Erfahrungen sprechen….
Das 5. Kapitel zeigt uns, dass Kinder andere Gefahren sehen als Erwachsene. Der kleine Prinz erkennt die Gefahr der Affenbrotbäume, der Pilot tut sie als nichtig ab. Ängste und Gedanken unserer Kinder haben immer ihren Platz und sind für die Kinder sehr real. Gespräche mit Kindern helfen, herauszufinden, was diese beschäftigt. Wir sollten Kinder mit ihren Gefühlen, Ängsten und Fragen ernst nehmen.
Fragen von Kindern nicht als nichtig oder lästig abtun
Dieses Thema zieht sich weiter ins 7. Kapitel. Der kleine Prinz vergisst nie eine Frage, die er einmal gestellt hat. Und er gibt sich auch nicht mit jeder Antwort zufrieden. Der Pilot gibt dann auch zu etwas nur gesagt zu haben, weil es für ihn im Moment Wichtigeres zu tun gibt, als das Problem des kleinen Prinzen….Eine Szene, die es im Alltag mit Kindern vermutlich zuhauf gibt. Wir haben viel zu tun, wollen Arbeit, Freizeit und Kinder unter einen Hut bringen und glauben deshalb oft, dass wir eine Frage des Kindes rascher „abgehakt“ haben, wenn wir einfach irgendeine Antwort geben. Kinder merken jedoch, wenn man ihnen nicht ehrlich begegnet und lassen dann nicht ab von ihrer Frage, die sie auch wirklich beschäftigt. Vielleicht kann ja manchmal etwas aufgeschoben werden, um den Kinderfragen Raum zu geben. Auch der Pilot erkennt, wie sehr er den kleinen Prinzen damit verletzt hat und versucht Trost zu spenden. Man merkt als Leser und Leserin, dass er keine rechten Worte findet...warum ist er nicht bei seiner Geste des Umarmens geblieben? Oft bedarf es keiner Worte, damit Kinder vermittelt bekommen, dass es einem leid tut oder dass sie mit ihrem Gefühl angenommen werden.
Die Eigenheiten der „großen Leute“
Auf den folgenden Seiten erzählt der kleine Prinz dem Piloten von seinen bisherigen Reisestationen. Er erzählt vom König, vom Eitlen, vom Säufer, Geschäftsmann, Laternenanzünder und Geographen. Immer wieder erkennt der kleine Prinz, wie sonderbar die großen Leute doch sein können - und jede kleine Geschichte enthält einen Gedanken, den wir uns für den Umgang mit unseren Kindern präsent halten können….
So z.B. der König, der befiehlt und verbietet, weil es Könige eben so machen. Er spricht von vernünftigen Befehlen, und es wird erwähnt, dass er dadurch den Anschein von Autorität wahren könne. Aber eigentlich ist die Geschichte ein Beispiel dafür, wie sinnlos mache Verbote und Gebote sein können. Brauchen wir sie wirklich, damit Kinder uns respektieren? Respektieren sie uns nicht eher, wenn wir authentisch mit ihnen zusammenarbeiten, versuchen gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden und nicht einfach Regeln aufstellen, weil man das als Eltern anscheinend so zu machen hat? Können wir nicht, zumindest manchmal, aufhören König zu spielen und einfach nur liebende Eltern sein?
Das Problem mit Regeln wird auf dem Planeten des Laternenanzünders behandelt. Er hatte eine Anordnung erhalten, als diese durchaus sinnvoll war. Dann haben sich jedoch die Bedingungen geändert, aber es wurde nie überprüft, ob nicht auch die Anordnung nun überarbeitet werden müsse. Die Welt verändert sich, unsere Kinder entwickeln sich und deshalb muss von Zeit zu Zeit nachgedacht werden, ob alle Strukturen und Orientierungen für das Kind noch gerechtfertigt sind.
Kinder als Philosophen
Der kleine Prinz erlebt die Bewohner der einzelnen Planeten als sonderbar, und er stellt Dinge in Frage, die für diese Personen einfach unhinterfragte Annahmen und Selbstverständlichkeiten sind. Auch Kinder stellen die Welt in Frage, suchen nach Antworten und Erklärungen. Sie wollen verstehen, warum wir etwas so und nicht anders machen oder warum es Sinn macht, dass wir etwas tun oder lassen. Kinder sind wie Philosophen, wenn man sie ermutigt Dinge in Frage zu stellen und wir ehrlich mit ihnen in Dialog treten.
Was ist einzigartig?
Gegen Ende der Geschichte, als der kleine Prinz den Rosengarten entdeckt, erkennt er, dass seine Rose gar nicht so einzigartig ist, wie er bisher angenommen hatte. Er trauert aufgrund dieser Erkenntnis. Dies ist vergleichbar mit der Trauer, die Kinder überkommen kann, wenn sie mit Aspekten der Realität konfrontiert werden, wenn sie z.B. erkennen, dass ihre egozentrische Weltsicht nicht den Tatsachen entspricht (z.B. die Sonne geht nicht auf, weil sie jetzt aufstehen müssen). Wie gut ist es da, dass der kleine Prinz auf den Fuchs trifft, der ihm aufzeigt, dass seine Rose aber für ihn etwas Besonderes oder Einzigartiges sein kann. So können Kinder auch erfahren, dass es z.B. viele Puppen oder Teddybären gibt, dass aber trotzdem ihre Puppe für sie besonders bleiben kann. Aber auch Erwachsene können sich in Erinnerung rufen, dass nicht alles für Kinder „austauschbar“ ist. Geht das liebste Stofftier verloren reicht es eben nicht, einfach ein neues zu kaufen.
Die Geschichte des kleinen Prinzen steckt voller Passagen, über die es lohnenswert ist nachzudenken. Durch die Art, wie der kleine Prinz die Welt „befragt“, können wir angeregt werden, über uns und unsere Sicht auf die Welt nachzudenken – so, wie wir uns durch unsere Kinder inspirieren lassen können, die Welt mit ihren Augen neu zu entdecken.
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Foto: jeffsmallwood CC BY-SA 2.0