Den Moment genießen – die Entschleunigung (in) der Familie
Wer kennt es nicht: Der Alltag ist durchgetaktet, der Kalender diktiert das Familienleben und man hat trotzdem das Gefühl, dass man nicht alles schafft, was man sich vorgenommen hat. Wir eilen durch das Leben und irgendwie verpassen wir es dabei. Aber muss das so sein?
Alles unter einen Hut bekommen
Oft treffe ich auf Eltern, die fragen, wie man denn alles unter einen Hut bekomme solle: Beruf, Haushalt, Freunde und Hobby, Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen und die Partnerschaft. Es ist nicht einfach und einiges schließt sich auch einfach aus. Es gelingt nur, wenn man Prioritäten setzt, bzw. anfängt Gewohntes neu zu organisieren. Klar, einiges lässt sich in einzelnen Fällen, warum auch immer, nicht anders organisieren, z.B. die Berufsausübung. Nicht alle Eltern können auf ein Einkommen gänzlich oder teilweise verzichten, auch wenn sie sich wünschen würden, dass ein Elternteil bei den Kindern bleiben könnte oder beide Elternteile kürzer treten könnten, um sich die Kinderbetreuung zu teilen.
Es ist jedoch durchaus möglich als Eltern weiterhin Sozialkontakte zu pflegen, den Haushalt zu führen oder ein Hobby zu haben und auch noch genügend Zeit für seine Kinder zu haben.
Kinder wollen am Familienleben teilhaben
Kinder wollen am Leben der Erwachsenen teilnehmen, sie wollen es kennen lernen und Erfahrungen sammeln. Bezieht man ein Kind in seine Unternehmungen ganz selbstverständlich mit ein, erledigt sich die Frage des „alles unter einen Hut bekommen“ meist von selbst. Sie spielen leidenschaftlich gerne ein Instrument? Spielen Sie ruhig im Beisein Ihres Kindes. Sie probieren gerne neue Rezepte aus? Toll, Ihr Kind kann dabei helfen oder zuschauen.
Gartenarbeit oder Hausarbeit können als Teil des Familienlebens neben oder auch mit den Kindern verrichtet werden. Je selbstverständlicher Sie diese Tätigkeiten ansehen, ohne das Kind nun zu bemitleiden, weil Sie nun keine Zeit für es hätten, desto eher sieht das Kind es als normales, alltägliches Betätigungsfeld an, und wird mit der Zeit versuchen, nach seinen Möglichkeiten, daran teilzunehmen. Das setzt aber voraus, dass Eltern es dann auch akzeptieren, wenn die Arbeit nicht den gewohnten Gang nimmt, etwas länger dauert oder mehrmals erledigt werden muss, weil das Kind mit seiner Mithilfe möglicherweise wieder Unordnung schafft (z.B. Wäsche wieder auffaltet, wenn es versucht diese in den Schrank zu räumen, beim Abwasch die Küche unter Wasser setzt, oder Ähnliches).
Kinder, die viel Freiraum für ihre Betätigungen erhalten, wissen oftmals sehr genau über ihre Fähigkeiten und Grenzen bescheid. Sie nehmen häufig zuerst eine beobachtende Position ein, schauen z.B. zu, wie im Garten die Hecke geschnitten wird, und suchen sich dann eine Aufgabe, die sie bewältigen können, z.B. den Heckenschnitt zusammentragen oder sie initiieren ein Spiel, indem sie die herunterfallenden Zweige und Blätter für ihre Handlungen nutzen.
Gemeinsam und doch alleine sein
Kinder entwickeln mit der Zeit eine Fähigkeit, die Winnicott als „Allein-Sein-können in Gegenwart des anderen“ bezeichnet hat. Nebeneinander können zwei Personen unterschiedliche Tätigkeiten verrichten und fühlen sich trotzdem verbunden. Ein Elternteil liest, das Kind spielt mit Bausteinen. Ein Kind malt, das Geschwisterkind spielt mit Autos, usw. Wichtig ist, dass Kinder erfahren, dass sie ihren Raum haben, und sie auch nur im Notfall in ihrer Tätigkeit gestört werden. Kinder müssen aber jederzeit diese Tätigkeit unterbrechen dürfen, um in Interaktion treten zu können, um ihre Bedürfnisse „anzumelden“. Je entspannter dies geschieht, ohne dass man genervt reagiert, weil das Kind „schon wieder“ etwas braucht, desto eher lernt das Kind auch zu warten, weil es mit dem „Alleine-Spielen“ nichts Negatives verbindet.
Die Kernfamilie ist nicht alles
Zugegeben, einiges muss wirklich anders organisiert werden: z.B. ein Restaurantbesuch als Paar, ein Kinobesuch abends oder bestimmte Sportarten, die man nicht mit dem Kind gemeinsam ausüben kann. Hierbei ist es wichtig daran zu denken, dass man als Kernfamilie nicht alleine ist. Vielleicht sind die Großeltern der Kinder in der Nähe und freuen sich über gemeinsame Zeit mit den Kindern oder man gewöhnt Kinder an einen Babysitter, der dann regelmäßig Zeit mit den Kindern verbringt.
Das Leben mit Kindern verändert sich (und zwar ständig und nicht nur mit der Geburt eines Kindes), aber es hört nicht auf – diesen Eindruck habe ich leider öfters, wenn ich mit jungen Eltern spreche.
Der Irrglaube „Quality-Time“
Ein Begriff, der immer öfter in Zusammenhang mit einem (scheinbar) gelungenen Familienleben fällt ist jener der Quality-Time. Die Grundaussage ist folgende: es ist in Ordnung, dass Sie nur wenig Zeit für Ihre Kinder haben, aber diese nutzen Sie dann bitte gut. Das ist für Kinder gleichwertig wie viel Zeit, die nicht „gut genutzt“ ist.
Etwas, was sofort ins Auge fällt ist die „Ökonomisierung“ der Familie. Es wird mit Begriffen aus dem Wirtschaftsleben „Qualität und Quantität“ versucht das Familienleben zu organisieren. Ist das nicht schon der Grundirrtum dieser Annahme? Eine Familie ist kein Wirtschaftsunternehmen und kann auch nicht in diesem Sinne „geführt“ werden. Kinder suchen oft nicht nach der „besonderen Unternehmung“, sondern wollen einen Alltag mit ihrer Familie.
Spätestens mit Schuleintritt ist das Leben der Kinder „organisiert“. Sie sind nur zu bestimmten Zeiten nicht im Unterricht. Oftmals folgt dann noch Fremdbetreuung, bis die Arbeitszeit der Eltern endet – der „Rest“ ist dann jene Zeit, die die Familie für sich hat. Leider sind dies häufig nur wenige Stunden, zu einer Tageszeit, wenn alle schon irgendwie müde vom Tag sind. Es ist dann verführerisch zu meinen, dass die Zeit am Wochenende oder im Urlaub nun alles „kompensieren“ müsse, was unter der Woche nicht möglich ist. Das führt dazu, dass Kinder von A nach B hetzen, Kurse besuchen oder lange Anfahrten zu tollen „Unternehmungen“ haben. Sicherlich ist Abwechslung gut und nichts spricht dagegen, wenn man mal länger fährt, um einen Zoo zu besuchen oder Kinder in einen Kurs gehen, der ihren Interessen entspricht. Wichtig ist das Maß – und die Wahrung des Bedürfnis der Kinder nach Familienleben.
Sich vom Kind leiten lassen
Auch wenn Kinder gerne mithelfen, wenn Hausarbeit oder Gartenarbeit ansteht, so sollte dennoch Zeit verbleiben, in denen das Kind im Fokus steht. Wird hierbei ein gutes Gleichgewicht gefunden, fühlen Kinder sich nicht unbeachtet oder zurückgestellt, sondern können zwischen gemeinsamer Tätigkeit und individueller Beschäftigung wechseln.
So oft es nur irgendwie möglich ist, sollte man Kindern die Möglichkeit geben, nach ihren Interessen zu handeln. Kinder initiieren Spiele, entscheiden sich ein Buch zu lesen oder wünschen sich einen Schwimmbadbesuch. Warum nicht einfach einmal einen Tag lang nichts planen und schauen, was sich alles ergibt? Warum nicht einfach mal Haushalt, Gartenarbeit, usw. sein lassen und am Leben der Kinder teilnehmen? Kinder leben im Augenblick, je kleiner das Kind ist, desto mehr lebt es in der Gegenwart.
Auch wenn wir nicht gänzlich ohne Termine und Verpflichtungen leben können: Nehmen wir diese Perspektive auch nur manchmal ein, dann entschleunigt es automatisch unser Leben und stärkt gleichzeitig die Beziehung zu unseren Kindern.
Foto: Franklin Heijnen CC BY-SA 2.0