Nachgedacht: Bedürfnisse prompt befriedigen? Ich will doch keinen Tyrann!
Zwei Wörter scheinen heutzutage wie ein rotes Tuch für Eltern zu sein „Verwöhnen“ und „Tyrann“. Es herrscht eine große Angst seine Kinder zu sehr zu verwöhnen und in Folge dessen einen Tyrann zu Hause zu haben. Eltern folgen dabei oftmals nicht mehr ihren Intuitionen, sondern lassen sich zu sehr von Gedanken und Außenperspektiven leiten. Je mehr sie sich dabei in der Öffentlichkeit befinden, desto eher.
Sie spüren vielleicht, dass ihr 4-jähriges Kind gerade wünscht gefüttert zu werden, weil es das Bedürfnis nach Nähe und Versorgung hat. Sie weigern sich aber es zu füttern, weil man es nicht verwöhnen möchte, nicht, dass es dann NIE mehr selber essen würde und das Kind dann meint ALLES mit ihnen machen zu können oder sie verweigern sich aus Angst, was andere Leute dann über sie denken würden.
Kinder möchten selbstständig werden
Oftmals wird vergessen, dass Kinder selbstständig werden möchten, und das eher können, wenn sie eine sichere Basis haben. Immer wieder befindet sich ein Kind in einer Situation, in der es nochmal überprüfen möchte, ob diese Basis noch Bestand hat (z.B. wenn das Kind in den Kindergarten oder die Schule kommt oder wenn ein Geschwisterkind geboren wurde). Außerdem wird in solchen Fällen oft ein Augenblick herangezogen, um daraus Ableitungen für eine nicht gewusste Zukunft zu machen und diese dann absolut zu setzen: Wenn ich das Kind EINMAL füttere, wird es NIE MEHR alleine essen.
Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl
Bedürfnisse eines Babys prompt zu befriedigen bedeutet, dem Kind das Gefühl zu geben wertvoll zu sein. Mit diesem Selbstwertgefühl als Basis schöpft das Kind Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten und wird die nächsten Entwicklungsschritte in Angriff nehmen, es wird sich Aufgaben stellen, Lösungen suchen, Erfolge und Misserfolge haben, kurz: die Welt für sich entdecken. Und, was das Wichtigste ist: es wird dies alles mit dem guten Gefühl machen, zu wissen, dass es jemanden gibt, der es bedingungslos liebt, unterstützt und auffängt, wenn mal etwas nicht gelingen sollte. Sie können selbstbewusst durchs Leben gehen.
Bedürfnisse und Wünsche
Babys und Kinder haben bestimmte Grundbedürfnisse, die sie ausdrücken und von ihren Eltern befriedigt haben möchten: Nähe, Liebe, Versorgung, Pflege, Vertrauen in sie usw. Neben Bedürfnissen haben sie auch noch Wünsche, die sie an die Eltern richten: ein Eis, einen neuen Pullover, die Erlaubnis zu einer Party zu gehen, usw.
Wünsche können auch Ausdruck eines Bedürfnisses sein – und hier beginnt es interessant zu werden. Wünscht sich ein Kind z.B. einen neuen Pullover, kann das Bedürfnis nach Anerkennung bei seinen Freunden der Grund sein. Der Wunsch im Bett der Eltern zu schlafen kann Ausdruck des Bedürfnisses nach Nähe sein, usw. Möchten Sie, aus welchem Grund auch immer, einen Wunsch nicht erfüllen, dann versuchen Sie das dahinter liegende Bedürfnis trotzdem zu befriedigen. Sie möchten nicht, dass das Kind bei Ihnen im Bett schläft? Bieten Sie z.B. an, dass Sie beim Kind schlafen oder beim Einschlafen ausgiebig zu kuscheln. Möchten Sie nicht schon wieder einen neuen Pullover kaufen, sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, ob es wirklich nur anerkannt wird, wenn es ständig neue Kleidung trägt.
Es geht nun nicht darum, dass man seinen Kindern nicht auch einmal Wünsche erfüllen kann – ein Kind kann aber erfahren, dass Wünsche auch unerfüllt bleiben. Sie können ihr Kind dann begleiten, mit dieser Erfahrung und den zugehörigen Gefühlen umzugehen.
An dieser Stelle ein passendes Zitat aus einem Buch von Alfie Kohn: „Die Angst vor Inkompetenz bewegt manche Eltern dazu, allen Forderungen ihrer Kinder nachzugeben, was natürlich etwas ganz anderes ist, als ihre Bedürfnisse zu erfüllen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, um Probleme zu lösen.“ (Alfie Kohn 2013, Seite 129)
Problematisch ist nicht die prompte Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die dauernde Erfüllung von Wünschen, ohne die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen. Wunscherfüllung ohne Bedürfnisbefriedigung führt nicht zur „Entlastung“ des Kindes, sondern nur zu noch drängenderen Bekundungen von „Wünschen“ - oder eigentlich besser gesagt Bedürfnissen, die durch Wünsche Ausdruck finden.
Bedürfnisse eines Kindes gilt es jedoch immer zu befriedigen (wobei mit zunehmenden Alter Kinder auch durchaus bereit sind ein wenig zu warten) – dies vertieft die Beziehung zum Kind und hat nichts mit Verwöhnen zu tun. Es führt dazu, dass Kinder sich angenommen und geliebt fühlen und nicht dazu, dass sie die Eltern kontrollieren und manipulieren möchten.
Literatur:
Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. Arbor-Verlag 2013.
Foto: emma freeman portraits CC BY 2.0
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