Erziehungsfragen - Blog

Starke Gefühle: Wut, Aggression und Trotz

Von julia am 02/08/2016 - 07:55
scream and shout

Im dritten Lebensjahr des Kindes steht das Autonomiebestreben in voller Blüte und spätestens dann werden Eltern mit starken Gefühlen und Gefühlsausdrücken ihrer Kinder konfrontiert. Kinder reagieren wütend, aggressiv oder widerspenstig – manchmal ohne dass Eltern so genau wissen, was der Auslöser für diesen Gefühlsausbruch war.

Kinder sind impulsiv

Gefühle kommen und gehen, in einem Moment scheint die Welt unterzugehen, eine Sekunde später läuft das selbe Kind lachend durch den Raum. Erwachsene haben oft den Eindruck mit diesen „Gefühlsschwankungen“ nicht schritthalten zu können. Sie überlegen sich Worte des Trosts, aber kommen gar nicht dazu sie auszusprechen, da für das Kind die Situation schon abgeschlossen ist. Oder man möchte sich mit dem Kind über ein gelungenes Spiel freuen, doch auf einmal missfällt dem Kind etwas und man sieht sich einem tobenden Kind gegenüber.

Gefühle brauchen Ausdruck

Kinder brauchen Raum und ein verständnisvolles Gegenüber, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Ist ein Kind wütend, möchte es vielleicht schreien, ist ein Kind traurig will es weinen dürfen, ist ein Kind aufgebracht möchte es vielleicht seinen Hass bekunden, wird es in seinem Autonomieempfinden eingeschränkt wird es widerspenstig – es „trotzt“ und wehrt sich so gegen die Macht, die über es ausgeübt wird.

Kinder benötigen in solchen Situationen Erwachsene, die ihm zuhören, die seine Gefühle annehmen und nicht versuchen es abzulenken, zu beschwichtigen oder seine Gefühle nicht ernst nehmen, indem versucht wird diese durch negieren zu ändern. Kinder erwarten auch nicht, dass als Reaktion auf ihre Gefühle versucht wird die Realität für sie zu ändern oder Erwachsene in das „Drama“ einsteigen und es damit verlängern. Kinder möchten erfahren, dass ihre Gefühle in Ordnung sind, dass es vielleicht gerade schmerzhaft ist, aber dass Gefühle auch wieder vorbeigehen können, dass man sie ziehen lassen kann, um dann wieder nach vorne zu blicken.

Je selbstverständlicher das Kommen und Gehen von Gefühlen wahrgenommen wird, desto weniger dramatisiert ein Kind seine Lage.

Kinder wollen Autonomie

Kinder möchten sich nicht hilflos fühlen, sondern autonom und wirkmächtig. Das gilt auch im emotionalen Bereich. Kinder sollen erleben, dass sie kompetent sind mit Gefühlen umzugehen, dass es ihre Gefühle sind, sie also Urheber dieser sind und nicht von Gefühlen übermannt werden und keine andere Wahl haben, als in dem Gefühl zu verbleiben. Wird der Ausdruck von Gefühlen nicht unterbunden, so können Kinder erleben, dass es ihre Entscheidung ist, ein Gefühl auch wieder ziehen zu lassen, nachdem sie es zum Ausdruck gebracht haben.

Starke Kinder – starke Gefühle

Kinder, die sich sicher sind, dass sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen dürfen, ohne dafür beschämt oder bestraft zu werden, lassen diesen oftmals sehr energisch ihren Lauf. Sie schreien, toben, weinen – weil sie:

  1. erfahren haben, dass es ihnen hilft, um mit den Gefühlen umgehen zu können
  2. wissen, dass sie mit ihren Gefühlen angenommen werden
  3. nach der heilenden Wirkung des Ausdrucks wieder positiv in die Zukunft blicken können

Das stärkt die Kinder, weil sie erfahren, dass sie ihren Gefühlen vertrauen können, dass es normal ist unterschiedlichste Gefühle zu verspüren und sie es selbst in der Hand haben ein Gefühl auch wieder loszulassen – das stärkt das Selbstbewusstsein und den Selbstwert eines Kindes. Kinder, die ihren Gefühlen vertrauen können, können oftmals Risiken besser abwägen, wissen, wann sie sich Hilfe holen möchten und wie sie diese dann auch bekommen und sind neuen Situationen gegenüber meist aufgeschlossener. Sie haben häufig keine große Angst davor zu scheitern, weil sie wissen, dass auch nach dem Ärger oder der Wut, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert ein neuer Versuch gestartet werden kann.

Was ist hierbei die Rolle der Eltern?

Eltern kommt gerade beim Ausdruck starker Gefühle die Rolle des Ruhepols zu. Geduldig und verständnisvoll kann dem Kind begegnet werden. Für das Kind sollte man präsent sein und gemeinsam mit ihm das Gefühl aushalten. So erfährt das Kind, dass es in Ordnung ist unterschiedliche Gefühle zu haben und, dass es möglich ist diese auszuhalten. Wie gelingt einem diese Haltung, wenn man selbst vielleicht merkt, dass Wut in einem aufsteigt, weil das Kind gerade einen Wutanfall bekommt, weil es etwas nicht bekommt, was es unbedingt haben wollte? Wenn das Kind schreiend und tobend zwischen den Regalen des Supermarkts liegt und man spürt, wie alle Blicke sich auf die Szene richten?

Wie können Sie einem Gefühlsausbruch begegnen?

Das wichtigste ist, dass Sie bei sich und Ihrem Kind bleiben. Was andere denken oder meinen, und was Sie denken, was andere dann über Sie sprechen – das alles ist in dem Moment nicht wesentlich und verstellt nur den Blick auf das Kind. Je besser man es schafft die Umgebung auszublenden, desto weniger ist man in Gedanken gefangen, was nun (meist aus Sicht der anderen) zu tun ist, wie man die Szene möglichst rasch zu einem Ende bringt. Man hat so die Möglichkeit in Kontakt mit dem Kind zu bleiben, das Kind in seinen Gefühlen ernst zu nehmen und den Ausdruck der Gefühle zu begleiten. Wird der Ausdruck nämlich nicht behindert oder unterbunden, wird aus einem Gefühl kein Drama gemacht, können Kinder oft erstaunlich schnell das Ganze für sich abschließen und sich auf Neues einlassen. Ist der größte Gefühlssturm abgeflaut, kann das Gespräch gesucht werden und in Kooperation eine Lösung für das Problem gefunden werden, wenn es für das Kind nicht schon alleine durch den Ausdruck und die Annahme des Gefühls gelöst wurde.

Wie können Aggression, Wut oder Trotz vermieden werden?

Eines ist klar: Gefühle dürfen nicht unterbunden werden. Aber es ist durchaus möglich eine Atmosphäre zu schaffen, die weniger Potential bietet, um Aggressionen, Wut oder Trotz hervorzurufen. In 8 Punkten möchte ich dies zusammenfassen:

1. Führen Sie nicht absichtlich Situationen herbei, die ein Kind frustrieren

In alltäglichen Situationen erleben sich Kinder oft genug hilflos oder werden frustriert, weil ihnen etwas, was sie sich vorgenommen haben, nicht funktioniert, weil sie mehr möchten, als sie aktuell können. Als Eltern muss man keine frustrierenden Situationen herbeiführen, damit Kinder die Möglichkeit haben zu lernen, wie sie mit Frust umgehen können oder eine Frustrationstoleranz aufzubauen.

2. Sagen Sie deshalb so oft es geht Ja.

Verbieten Sie durch ein Nein nur solche Tätigkeiten oder Beschäftigungen, von denen tatsächlich eine Gefahr ausgeht oder wenn Sie gute Gründe nennen können, warum etwas nicht oder nicht auf diese Art oder nicht zu dieser Zeit oder nicht an diesem Ort stattfinden soll. Sie werden im Selbstversuch merken, dass auch mit dieser Grundhaltung noch oft genug das Kind erlebt, dass es nicht alles tun kann oder dass es auf Widerstand stößt.

3. Akzeptieren Sie die Grenzen Ihres Kindes

Sagt Ihr Kind Nein zu Ihnen, möchte es, dass Sie mit etwas aufhören (z.B. es zu kitzeln, zu schaukeln, zu umarmen,….), dann gehen Sie dieser Aufforderung umgehend nach. Sie sind so einerseits ein Vorbild für Ihr Kind und andererseits begegnen Sie Ihrem Kind als Subjekt, das wertgeschätzt wird.

4. Gestalten Sie die Umgebung für Ihr Kind

Der direkte Lebensraum des Kindes (Wohnung/Haus, Garten,…) sollte so eingerichtet sein, dass das Kind mit möglichst wenigen Maßregelungen und Einschränkungen spielen und forschen kann. Die teure Vase muss nicht unbedingt in Reichweite des Kindes stehen.

5. Vermeiden Sie Zuschreibungen wie „Du bist böse“, „Du bist dumm“ oder Ähnliches.

Solche Sätze wirken oft sehr tief ins Selbstverständnis eines Kindes. Hört es sie öfters oder selten, dafür in sehr einprägsamen Situationen, dann kann es zu einem entsprechenden Selbstbild führen. Das Kind meint, dann genau so handeln zu müssen, dass es dem Bild entspricht – dass es böse ist. Ein Teufelskreis beginnt.

6. Berücksichtigen Sie die Absicht des Kindes

Zuschreibungen können leichter vermieden werden, wenn Sie die Perspektive des Kindes einnehmen und versuchen zu erkennen, welche Absicht das Kind hatte, als es eine Handlung ausgeführt hat oder ein Verhalten gezeigt hat. Perspektivenübernahme macht uns feinfühliger und führt automatisch dazu einen Moment innezuhalten. Dieser kurze Moment kann schon dazu beitragen, dass die Szene nicht eskaliert, weil man einmal tief durchatmen konnte, bevor man etwas gesagt oder getan hat.

7. Haben Sie keine Angst vor starken Gefühlen

Kinder müssen den Umgang mit Gefühlen erst lernen und sind, wie ich bereits geschrieben habe, sehr impulsiv. Kinder sollen wissen, dass es unterschiedliche Gefühle gibt und, dass es in Ordnung ist diese zu haben. Kein Mensch ist immer gut gelaunt, fröhlich und zufrieden. Auch Sie nicht! Es ist auch in Ordnung, dass Sie Ihrem Kind zeigen, was Sie fühlen (solange Sie das Kind damit nicht belasten). Erzählen Sie Ihrem Kind z.B., dass Sie auch schon einmal wütend waren oder artikulieren Sie in einem konkreten Anlass Ihre Wut (ohne dabei dem Kind die Schuld an dieser zu geben!). Ist z.B. ein Glas vom Tisch gefallen, weil es zu nahe am Rand stand, dann können Sie sagen: Ich ärgere mich, dass ich nicht besser aufgepasst habe! Oder: Jetzt habe ich viel Arbeit, weil ich das Glas übersehen habe.

8. Üben Sie sich in Gelassenheit

Selbst wütend zu werden, zu schreien oder gar körperliche Gewalt anzuwenden sind keine Lösung, sondern führen zu noch mehr Stress und Angst. Der Ausdruck von Gefühlen kann eine heilende Wirkung haben. Versuchen Sie auch negativ besetzte Gefühle als wertvoll anzusehen und erkennen Sie, dass Sie und Ihr Kind gemeinsam gestärkt aus solchen Situationen herauskommen können.

 

Foto: Mindaugas Danys CC BY 2.0