Nachgedacht: Geht es ohne Strafen?
Aktuell sind immer mehr Berichte und Artikel in Umlauf, die sich an die Fahne heften „neue Wege in der Erziehung“ zu gehen. Meist ist der „neue Weg“ einer, der Erziehung zu einem Unwort erklärt, versucht Alternativen zu finden oder sich gar „unerzogen“ nennt. Betrachtet man diese Ansätze und Ideen jedoch genauer, so wird deutlich, dass auch das Erziehung ist – nur eben mit anderen Mitteln und anderen Zielen. Das möchte ich jedoch in diesem Beitrag gar nicht näher ausführen. Ein wenig angesprochen habe ich es schon an dieser Stelle.
Ohne Lob, Belohnung, Drohungen und Strafen
Diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie ohne ein Belohnungs–Bestrafungs–System auskommen möchten. Belohnung und Lob wird nur als die Kehrseite der Medaille von Drohungen und Strafen gesehen. Das meint, dass das Kind in beiden Fällen etwas nicht tut, weil es den Sinn dahinter versteht oder es tun möchte, sondern weil es Lob bekommen möchte oder Strafe abwenden mag. Die Idee ist, dass das Kind so eigentlich von der Sache selbst abgelenkt wird.
Alternativen finden
In diesen Ansätzen wird die Beziehung zum Kind in den Vordergrund gestellt und das gemeinsame Wachsen und Lernen. Als Alternative zum Lob wird vorgeschlagen Situationen zu beschreiben (beschreibendes Lob), z.B. „Ich habe gesehen, dass du den Turm hochgeklettert bist“ oder noch differenzierter „Ich habe gesehen, dass du versucht hast nur die roten Stangen mit den Füßen zu berühren“. Das Kind fühlt sich so gesehen und beachtet. Es nimmt wahr, dass seine Tätigkeit einen Wert hat und kann darüber einen Selbstwert aufbauen. Und was sind nun die Alternativen zum Bestrafen oder Drohen?
Auch hier steht der Kontakt und die Beziehung zum Kind im Vordergrund. Durch die Einnahme der kindlichen Perspektive soll es möglich werden zu erkennen, was das Motiv für eine Handlung war. Es wird von der Annahme ausgegangen, dass Kinder nicht in böser Absicht handeln, sondern Verhalten zeigen und Handlungen setzen, die ihrer momentanen Entwicklung entsprechen. Ein Baby möchte z.B. kein Chaos stiften, wenn es die Hydrokugeln aus den Blumentöpfen ausräumt, sondern es ist interessiert an der Tätigkeit des Ausräumens – und nimmt das, was sich ihm (aus seiner Sicht) dafür anbietet. Auch bei Kindern gibt es solche Situationen: Sie wickeln vielleicht das Klopapier ab, weil sie wissen wollen wie oft sie damit von einer Wand des Raumes bis zur gegenüberliegenden Wand laufen können (sie interessieren sich in diesem Fall für Räumlichkeit und Maße)….Beispiele lassen sich für jede Altersstufe zuhauf finden. Statt eine Drohung auszusprechen „Wenn du das noch einmal machst….“ oder eine Strafe zu verhängen (z.B. ins Zimmer zu schicken, Lieblingsspielzeug wegzusperren,…) wird versucht zu verstehen, warum das Kind das macht und überlegt, wie es die Tätigkeit ausführen kann, ohne damit sich und andere zu gefährden oder Grenzen der (Belastbarkeit der) Eltern zu überschreiten. Es wird Verständnis für das Kind und seine Interessen gezeigt, ohne dass das bedeutet, dass das Kind nun alles tun dürfte.
Klappt das denn auch immer?
Das ist, meiner Ansicht nach, abhängig von der Beziehung, die man zu dem Kind bisher aufgebaut hat und auch von der aktuellen Tagesform abhängig. Kein Mensch ist perfekt und kein Mensch schafft es immer gleich empathisch zu sein. Man kann gestresst sein, müde, aufgebracht – dann kann schon eine Kleinigkeit „das Fass zum überlaufen“ bringen. Keiner, auch nicht Ihr Kind, erwartet, dass Sie immer verständnisvoll reagieren, nie wütend werden oder doch einmal laut werden. Vielleicht ist es möglich, mit ein wenig Reflexion und Übung, in einer überwiegenden Zahl an Situationen ohne Drohung oder Strafe auszukommen. Ihr Kind merkt, dass Sie grundsätzlich diesen Weg gehen möchten, auch wenn Sie es nicht immer schaffen. Es lernt zu erkennen, dass auch Erwachsene Launen haben, aber dass sich dadurch tieferliegende Gefühle (wie z.B. die Liebe zum Kind) nicht ändern. Begünstigt werden kann dies, indem Sie sich auch ehrlich bei Ihrem Kind entschuldigen, wenn Ihnen einmal etwas herausgerutscht ist, was Sie lieber nicht sagen wollten oder Sie eine Strafe verhängt haben, die Sie im Nachhinein selbst als nicht sinnvoll betrachten.
Der eigene Weg in der Erziehung muss vor allem zu Ihnen passen. Kinder möchten authentische, lebendige Eltern und keine Schauspieler.
Foto: Maresa Gallauner