Im Erziehungsverhalten konsequent bzw. konstant sein – geht das?

Erziehungsfragen - Blog

Im Erziehungsverhalten konsequent bzw. konstant sein – geht das?

Von julia am 14/02/2017 - 08:09
Geduldsfaden

Im Familienleben gibt es täglich hunderte kleine Mikrosequenzen, also Interaktionen, Momente, Stimmungen. Jeder Tag gestaltet sich neu: vielleicht sind nicht immer alle Familienmitglieder anwesend, vielleicht zieht sich ein Familienmitglied an einem Tag vermehrt zurück, vielleicht steht ein Fest an oder man unternimmt etwas Spezielles. Vor allem kleine Kinder entwickeln sich rasend schnell….Familienleben ist nie statisch oder konstant. Warum bekommt man dann oft den Rat, dass Erziehung konsequent sein muss, ja nahezu gleichförmig?

Stöbert man in der Ratgeberliteratur, so begegnet man sehr oft dem Tipp, dass man Kindern gegenüber im Erziehungsverhalten konsequent sein muss – reagiere ich z.B. einmal mit einem Verbot, so muss es immer verboten sein. Kinder würden sonst verwirrt sein und hätten Probleme mit Regeln und Grenzen. Gibt es also z.B. die Regelung, dass es nur eine Gute-Nacht-Geschichte gibt, so darf es an keinem Abend eine zweite geben – das Kind wäre sonst verwirrt. Darf ein Kind eine bestimmte Schublade nicht öffnen, dann darf es das nie, usw.

Denken wir nun an die hunderten kleinen Sequenzen aus denen sich ein Alltag zusammensetzt, immer neu und immer unter anderen Rahmenbedingungen (z.B. Müdigkeit, Krankheit, Feiertage, anwesende Personen, usw.), wie kann es dann dem Leben entsprechen, dass man – fast schon wie ein Roboter – immer gleich reagiert? Haben Eltern denn keine Stimmungen und Emotionen? Können sie nicht einmal so in sich ruhen, dass sie fast nichts aus dem Tritt bringt und ein paar Tage später so angespannt sein, dass ein umgefallenes Wasserglas eine Krise auslöst?

Als Familie leben bedeutet Beziehungen leben

Beziehungen sind etwas zerbrechliches, sie sind dynamisch – nie konstant. Sie wollen gepflegt werden und das täglich. Mit jemandem in einer Beziehung leben bedeutet sich immer wieder neu aufeinander einzustellen, sich einzustimmen auf die andere Person. Das ist etwas sehr Komplexes und ist von vielen Faktoren abhängig, es kann nicht nach Rezept abgespult werden – Beziehungen sind lebendig. Und das bringt mit sich, dass auch eine scheinbar gleiche Situation sich minimal von einer anderen unterscheiden kann und das mit sich bringt, dass es einmal eine Gute-Nacht-Geschichte gibt und einmal zwei.

Erklärungen geben, Emotionen aushalten

Ein Kind wünscht sich einen Eisbecher. Sie wissen, dass ihr Mann bald von der Arbeit nach Hause kommt und er sich auf ein gemeinsames Abendessen freut. Sie möchten nicht, dass das Kind vor dem gemeinsamen Abendessen ein Eis isst. Dann geben Sie Ihrem Kind (je nach Alter) eine kurze Erklärung. Ist ein Kind noch sehr jung (z.B. 3 Jahre alt) reicht es zu sagen, dass wir gleich gemeinsam am Tisch essen. Das Kind wird seinen Unmut äußern – das darf es auch. Begleiten Sie Ihr Kind: „Du hast dir jetzt einen riesigen Eisbecher vorgestellt“ Kind: „Jaaaaa“. Sie: „Morgen Abend können wir hier ein Eis essen, heute essen wir gemeinsam am Tisch“. Manche sagen, das ist nicht konsequent...gibt es nun ein Eis als Abendessen oder nicht? Wie soll das Kind sich auskennen, ob es nun ein Eis essen darf oder nicht? Das Kind wird lernen, dass es sehr feine Unterschiede im Leben gibt, die Dinge ermöglichen oder nicht. Ist z.B. der Mann am nächsten Abend so und so unterwegs, gibt es also kein gemeinsames Abendessen, so kann diese Situation genutzt werden, um dem Kind seinen Wunsch zu ermöglichen. Solche „Ausnahmen“ sind mitten aus dem Leben, sie halten eine Beziehung lebendig. Ich setzte das Wort Ausnahmen unter Anführungszeichen, weil ich die Idee von konsequente Regeln und Ausnahmen, die diese Regeln dann unterstreichen – weil es ja nur Ausnahmen sind – nicht für lebensnah halte. Einfach weil es so viele unterschiedliche Faktoren gibt, die eine Situation ausmachen.

Erziehung grenzenlos?

Das bedeutet aber nicht, dass Erziehung dann keine Grenzen kennt. Wenn ein Kind mich kratzt oder an der Nase zieht, kann ich ihm meine persönliche Grenze aufzeigen. Es tut mir weh und ich möchte das nicht. Erziehung so zu denken ermöglicht es jedoch mit dem Kind in Beziehung zu bleiben, die Situation im Hier und Jetzt wahrzunehmen und genau darauf zu reagieren. Man spult kein Programm ab, setzt keine Grenzen nur damit es welche gibt. Grenzen haben den Sinn Menschen zu schützen (z.B. vor Verletzung) und gemeinsam leben zu können und nicht Menschen zu gängeln und zu Gehorsam zu erziehen.

Kinder suchen auch Grenzen, aber sie suchen vor allem die persönlichen Grenzen der Bezugspersonen, denn sie möchten ihre Eltern als Menschen kennen lernen. Sie möchten durch Aktionen und Reaktionen ihre Umwelt und Mitmenschen kennen lernen. Sie leben aber in keiner Welt, die rein aus mechanischen Prozessen besteht, die immer gleichförmig verlaufen. Das soziale Leben ist komplex, also können wir Erziehung nicht als einen eindimensionalen, gleichförmig konstanten Prozess denken. Das wird unseren Kindern, als Menschen, nicht gerecht.

Statt konsequenter Erziehung klare Botschaften

Ratgeber sprechen oft davon, dass Erziehung konsequent sein muss, was meist so ausgelegt wird, dass sie eben wie maschinell ausgeführt gleichförmig verläuft. Das, was im Zusammenleben jedoch zählt sind klare Botschaften. Das Gegenüber muss wissen und spüren, was der andere meint. Nur solche Botschaften können nämlich ernsthaft verhandelt werden. Klarheit kann aber dazu führen, dass es einmal abends ein Eis zu essen gibt und einmal nicht. Sie kann bewirken, dass es einmal eine Gute-Nacht-Geschichte gibt und einmal zwei und einmal vielleicht sogar keine.

Wir können unseren Kindern zutrauen, dass sie dadurch nicht übermäßig verwirrt sind und gar nicht mehr bereit sind mit Grenzen umzugehen. Entwicklung und Heranwachsen zeichnet sich dadurch aus Differenzierungen erkennen zu können und mit Differenzen umgehen zu können. Klare Botschaften, die in lebendigen Beziehungen formuliert werden, helfen Kindern mit den wechselnden Situationen, die das Leben bereit hält umzugehen.

 

Foto: Maresa Gallauner